Sonntagsbeichte Badezimmerspiegel
Logbuch des Grauens – Sonntag 01:43 Uhr
Ort: Das Badezimmer.
Zustand des Spiegels: Frisch geputzt (noch).
Ich hänge gerade so rum und geniesse die Ruhe, als die Badezimmertür nicht einfach geöffnet, sondern mit der Wucht eines Elfmeters gegen die Wand gedonnert wird. Reingestolpert kam er: Mein Zombie-Mensch. Oder das, was nach einem 2:1-Sieg im WM-Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste noch von ihm übrig ist.
Er trug die Nationalelf-Trikotage wie eine Rüstung, die Wangen voller bröckelnder schwarz-rot-goldener Schminke und auf dem Kopf eine Fan-Perücke, die aussah, als hätte ein Marder darin entbunden.
Der Bewohner fixierte mich. Also, er versuchte es. Seine Pupillen rollen gegenläufig schneller als ein Fußball.
„Wer… du wir haben gewonnen!“, lallte er und zeigte mit dem Zeigefinger auf sein eigenes Spiegelbild. „Ey! Du hast das gleiche Trikot an wie ich!“ So langsam merkt mein angetrunkener Neandertaler (der nur noch Wasser Trinken wollte) das er sich in meiner Kristallglasfläche selber sieht.
Ich schweige pflichtbewusst. Der angetrunkene Wassertrinker ging einen Schritt auf mich zu, um mir brüderlich auf die Schulter zu klopfen, rammte sich dabei aber das Becken am Waschbeckenrand. „Aua! Foul! Schiri, Gelb;“ schimpfte er mit der Seifenschale.
Dann begann die eigentliche Tragödie: Das „Bettfein-Machen“.
Die Zahnpasta-Katastrophe:
Mein Lieblings Irrer griff nach der Zahnbürste, Zielsicherheit? Minus fünf. Er drückte die Tube mit der Kraft eines Schraubstocks zusammen. Ein riesiger, blauer Klumpen Zahnpasta schoss im hohen Bogen durch den Raum, verfehlte die Bürste komplett und klatschte – natürlich – mitten auf mein frisch geputztes Glas.
Er guckte verwirrt. Schaute auf die leere Bürste, schaute auf mich. „Hexerei“, flüsterte er ehrfürchtig.
Nun steckte der Clown sich die Zahnbürste trotzdem trocken in den Mund und schrubbte mit einer Aggressivität, als müsste er die Sünden der letzten zehn Jahre wegschrubben. Das Ergebnis? Ein schaumiges Desaster, das er im hohen Bogen neben das Waschbecken spuckte.
Der Kampf mit dem Make-up
Nun treiben ihn wohl Gewissensbisse wegen der verkrusteten Fan-Schminke um. Er greift nach der Klorolle, um das Papier zum Abschminken zu benutzen.
Er rubbelt sich durchs Gesicht. Da er die Augen dabei fest geschlossen hält, verschmiert er das Schwarz und Rot einfach nur großflächig über Wangen, Stirn und Nase. Als er die Augen wieder öffnet und mich anblickt, weichen seine Züge zurück. Er sieht jetzt aus wie eine traurige Mischung aus Waschbär und Alice Cooper.
„Boah, bist du hässlich geworden“, murmelt er mir mitleidig zu. „Das Spiel hat dich echt mitgenommen, Kumpel.“
Das Finale gegen die Schwerkraft:
Zum Schluss will er sich nur noch das Gesicht mit Wasser kühlen. Er dreht den Hahn voll auf, formt die Hände zu einer Schale, taucht das Gesicht ein – und vergisst komplett, wie Atmen funktioniert. Er prustet das Wasser wie ein sterbender Walfisch im hohen Bogen nach vorne. Klatsch. Volltreffer. Ich bin nass, verschmiert mit Zahnpasta und Fan-Schminke. Er richtet sich mühsam auf, blinzelt durch die Wassertropfen auf meiner Oberfläche, klopft mir noch einmal huldvoll auf die (Glas-)Schulter und lallt:
„Gute Nacht, Diggi. War ’n Top-Spiel, in der letzten Minute gewonnen, Ich hau mich erstmal hin… nachher sehen wir uns wieder".
Damit dreht sich mein Lieblingsbanause um, verfehlt die offene Tür um Haaresbreite, prallt kurz am Rahmen ab und torkelt Richtung Schlafzimmer. Ich höre nur noch das dumpfe „Flatsch“, als er ungebremst und in voller Fan-Montur aufs Bett fällt.
Fazit: Der Sieg war historisch. Mein Zustand ist katastrophal. Wenn seine Putzgöttin sieht, was er mit mir wieder angestellt hat, gibt es hier die nächste rote Karte. Ich freu mich drauf.
Logbuch des Grauens – Sonntag – Uhrzeit: Ungefähr sehr spät
Ein tiefer, dramatischer Seufzer geht durch mein Glas. Da bist du ja wieder. Mein Lieblingskunde. Kapitän Alkohol persönlich.
Es ist 13:45 Uhr mittags.
Plötzlich fliegt die Badezimmertür auf und prallt mit einem lauten Wumm gegen den dort stehenden Wäschekorb. Hineingestolpert kommt mein menschliches Haustier. Er bewegt sich in Schlangenlinien, als würde er versuchen, einem imaginären Laser-Parcours auszuweichen.
Der Protagonist des Abends betritt also die Bühne – oder besser gesagt: Er steuert das Waschbecken an, als wäre es der rettende Hafen nach einer stürmischen Kreuzfahrt auf hoher See (Zustand: drei Bier und zwei Tequila zu viel). Hier ist mein exklusiver Live-Bericht von den diesjährigen Olympischen Spielen im „Nüchtern-Aussehen“:
Phase 1: Der hypnotische Starrkrampf
Bevor auch nur ein Tropfen Wasser fließt, kommt der wichtigste Teil: Das Blickduell. Er stellt sich vor mich hin, stützt sich mit beiden Händen schwer auf dem Waschbecken ab und starrt mich an. Seine Augenlider hängen auf Halbmast. Er versucht, den Blick zu fokussieren, aber ich sehe genau, dass er mich gerade doppelt wahrnimmt.
„Ich seh gar nicht so schlecht aus“, murmelt er mir zu.
Kumpel, deine Haare stehen zu allen Seiten ab, hast immer noch die Nationalelf-Trikotage an, aber völlig zerknittern und verschmiert, als hättest du dir im Schlaf damit das Gesicht abgewischt. Die schwarzrotgoldene Farbe die er im Gesicht hatte ist fast weg, befindet sich sicher auf dem Kopfkissen.
Die Fan-Perücke, muss wohl auch irgendwo im Schlafzimmer rum liegen, jetzt sieht seine Frisur aus als hätte ein Wildschwein in seinen Haaren ein Schlammbad genommen.
Phase 2: Die Zahnputzorgie
Jetzt gilt es: Der "Pelz" auf den Zähnen und Zunge muss weg. Der Griff nach der Bürste. Die Hand schießt am Becher vorbei. Zweiter Versuch. Treffer.
Die Pasten-Eskalation: Weil die Feinmotorik beim public viewing geblieben ist, wird die Tube nicht sanft gedrückt, sondern im Würgegriff gepresst. Ein monumentaler Klumpen Minzpaste landet auf den Borsten. Ein Viertel davon verabschiedet sich sofort im freien Fall und klatscht ins Waschbecken. Macht nichts, es ist noch genug da.
Der Startschuss fällt. Normalerweise putzt man nach System. Heute nicht. Heute herrscht Anarchie. Es wird geschrubbt, als gälte es, ein eingebranntes Backblech zu reinigen. Rechts, links, oben, unten – in wildem, Wechsel. Nach exakt 45 Sekunden ist der Mundraum vollkommen überfüllt.
Da der Kopf philosophisch nach hinten geneigt wird (warum auch immer), bahnt sich der weiße Minzschaum unaufhaltsam seinen Weg nach draußen. Er läuft das Kinn hinunter und tropft im Sekundentakt auf das ohnehin schon leicht ramponierte Waschbecken.
Die Augen sind weit aufgerissen und starren fixiert in den Spiegel, während der Schaum langsam die Ausmaße einer Tollwut-Simulation annimmt. Anstatt zum ausspülen ein Glas zu benutzen, wird der Kopf direkt unter den Wasserhahn gehalten. Das Wasser klatscht gegen die Wange, die Nase und flutet das halbe Gesicht. Mit geschlossenen, brennenden Augen wird blind nach dem Handtuch getastet. Gefunden wird das dekorative Gästetuch, das danach aussieht, als hätte man darin ein Kunstprojekt mit Wandfarbe realisiert.
Das Ergebnis:
Das Waschbecken sieht aus wie ein Schlachtfeld aus weißen Spritzern und Zahnpasta Rückständen. Der Atem riecht zwar schneidig nach "Extreme Cool Mint", aber das Gesicht ist nass, das Shirt ruiniert und die Zahnbürste liegt – aus Versehen fallen gelassen – einsam im Waschbecken.
Phase 3: Die Seifen-Odyssee
Duschen ist heute wohl nicht, oder noch nicht. Jetzt soll gewaschen werden. Ein edler Vorsatz! Mein Fast unmenschlich aussehender Alkohol Nomade (von wegen nur noch Wasser) streift sich das Trikot über den Kopf ab und verliert dabei Balance und Haltung. Zum Glück fällt er nicht sondern landet mit seinem Hinterteil auf der geschlossenen Toilettenbrille und mit dem Kopf an der Wand. „Aua Schei… ist das glatt hier“.
Von wegen glatt, du bist noch immer nicht nüchtern, geh weiter schlafen.
Aber nein, er kommt vorsichtig näher um den Seifenspender zu drücken. Versuch 1: Der Zombie greift komplett daneben und streichelt die Wand. Versuch 2: Nun erwischt er den Spender mit roher Gewalt. Ein riesiger Strahlflüssigseife schießt am Ziel vorbei und landet direkt auf meinem Kristallglas. Seine Putzfrau, die Herrscherin über alle Putzmittel, die Meisterin der Microfasertücher wird es freuen. Hoffentlich gibt sie ihm einen Platzverweis.
Versuch 3: Endlich ist die Seife auf der Hand. Nun verreibt er sie trocken im Gesicht, als wäre es Feuchtigkeitscreme. Er sieht jetzt aus wie ein tollwütiger Weihnachtsmann.
Phase 4: Die Wasserschlacht von Waterloo.
Nun muss die Seife ab. Er dreht den Hahn auf Vollgas. Das Wasser schießt heraus, trifft seine hohl geformten Hände im falschen Winkel und spritzt im 90-Grad-Winkel direkt auf seinen nackten Oberkörper. Er flucht wie ein Droschkenkutscher den man die Vorfahrt genommen hat. Aus Gründen des Anstandes möchte ich keine Details weitergeben, vielleicht lesen ja auch Kinder meine Darstellung. Der Kobold unternimmt einen zweiten Versuch, schöpft Wasser und führt es zum Gesicht. Allerdings vergisst er, die Augen zu schließen. „Großer Fehler.“ Die Seife brennt. Jetzt bricht Panik aus. Blind rudert er mit den Armen wie ein sterbender Schwan, reißt das Handtuch von der Stange, erwischt dabei die Zahnbürstenhalterung (die klirrend zu Boden geht) und reibt sich das Gesicht trocken, als wollte er die oberste Hautschicht abtragen.
Das finale Urteil.
Er lässt das Handtuch sinken und blickt wieder in mein Glas. Das Gesicht ist rot geschrubbt, die Haare sind klatschnass und stehen noch wilder ab als vorher und sein Körper ist noch immer nass.
„Perfekt“, lallt er stolz und macht ein volles Pokerface.
Mission erfüllt. Der Patient wankt glücklich und mit brennendem Zahnfleisch und halbnackt Richtung Tür. Er knipst das Licht aus (und trifft den Schalter erst beim dritten Mal). Der Hausgeist schlürft mit den Worten „ich brauch jetzt viel Kaffee“ aus dem Badezimmer.Zurück bleibe ich im Dunkeln – beschlagen, voller Seifenflecken und mit der Angst seine Putzgöttin könnte Kündigen, wegen Misshandlung eines Badezimmerspiegels.