Samstagsbeichte Badezimmerspiegel
Ich habe in meiner Karriere als hochwertiger Kristallglasspiegel schon viel gesehen. Zahnpasta, Spritzer, epische Föhn-Konzerte mit einer Haarbürste, und die dramatischen Versuche, Mitesser zu bekämpfen. Laute und schräge Gesangsorgien, aber nichts – absolut nichts – bereitet einen auf das vor, was passiert, wenn mein Steinzeit Kannibale einer „ich geh nur auf ein Bier“-Nacht nach Hause kommt.
Logbuch des Grauens – Samstags, 04:38 Uhr
Es fing an mit einem Poltern im Flur, gefolgt von dem Geräusch eines fallenden Schlüsselbundes und einem Unterdrückten: „Schhhh, ich muss leiser sein, die Nachbarn rüülps.“ (Süß, dass er versucht, Rücksicht zu nehmen, aber die Nachbarn liegen alle im Tiefschlaf, nur ich schlafe nie. Ich reflektiere nur.)
Logbuch des Grauens – Samstags, 04:41 Uhr
Die Badezimmertür fliegt auf, der Mitbewohner stolpert herein und kann sich im letzten Moment am Waschbecken festhalten. Da stand er nun wankend und wackelnd vor mir. Mein Mitbewohner, oder das, was die Schwerkraft der Tequila und Grappa von ihm übrig gelassen hat. Seine Haare sahen aus, als hätte er versucht, eine Steckdose mit der Zunge zu testen, und sein linkes Auge war nur halb so weit offen wie das rechte. Ich kann ihn kaum erkennen, seine Gesichtsfarbe ist genauso weiß wie Badezimmerkacheln. Er macht einen Ausfallschritt nach hinten und sieht richtig verschreckt aus. Dann wieder einen Satz nach vorn, verfehlt das Waschbecken schon wieder knapp und hielt sich schließlich doch noch fest, er fixiert mich ungläubig angestrengt. Also, er versuchte es. Eigentlich starrte er die Fliese zwei Zentimeter links von mir an. „Wer rüüülps … wer bist du und was machst du in meiner Wohnung?“ dabei starrte er mich an, als wäre ich das achte Weltwunder. Er erkannte sich noch nicht mal selbst in meiner Kristallglas Fläche und es dauerte etwas, bis er begriff, wen er sah.
Ich schwieg (professionelle Distanz).
Der Steinzeit Wilde schritt näher, so nah, dass sein Atem mich sofort beschlagen ließ. Danke für die Alkoholdämpfe, ich fühle mich jetzt auch ein bisschen beschwipst. Er hob die Hand und zeigte mit dem Zeigefinger direkt auf mein Zentrum. „Du gruunz … du siehst heute echt scheiße aus, Kumpel.“ Lallte er. Dann kam die Phase, die ich am meisten fürchte: Die tiefe philosophische Selbsterkenntnis im betrunkenen Zustand. Er stützte beide Hände auf den Rand des Waschbeckens, ließ den Kopf hängen und seufzte so tief, dass das Wasser im Siphon vibrierte. Seine Steckdosen Test Frisur verfettete meine Glasfläche. Er blickte wieder auf, seine Augen glasig, aber voller plötzlicher, unverdienter Weisheit. Nun wühlt er noch kurz in der Hausapotheke, schiebt sich was in den Mund, schlürft etwas Wasser aus der hohlen Hand und gibt dann auf. Er schaltet das Licht aus – danke für die Erlösung – und schlurft rückwärts aus dem Raum, nicht ohne noch einmal elegant gegen den Türrahmen zu knallen. Gute Nacht, Tiger. Wir sehen uns nach deinem Rausch in einigen Stunden wieder und die Ibuprofen werden dir auch nicht helfen. Ich freue mich drauf.
Ein lautes eindringendes Geräusch lässt meine Kristallglas Fläche erzittern. Es ist das Telefon was so laut und eine gefühlte Ewigkeit klingelt. Noch lauter als das klingeln wird die Schlafzimmertür aufgerissen, dann nimmt meine Kristallfläche Stimmen Geräusche wahr. Plötzlich ist absolute Stille.
Logbuch des Grauens – Samstags, 09:33 Uhr:
Es ist so weit. Das vertraute Geräusch von schlurfenden tapsigen Schritten, gefolgt von einem dumpfen Bumm, als der Zombie gegen die Badezimmertür stolpert. Ich hänge hier an der Wand und weiß genau, was mir gleich blüht. Die Badezimmertür fliegt auf, das grelle LED Licht flackert an – und da steht er. Mein persönliches Meisterwerk des Verfalls. Er starrt mich an. Ich starre zurück. Wenn Blicke töten könnten, läge ich jetzt in Scherben, aber ehrlich gesagt ist er derjenige, der aussieht, als hätte er mehrere Nahtod-Erfahrungen in der kurzen Nacht hinter sich gebracht.
Phase 1: Der Schock
Nachdem ich von Null auf Hundert mit grellem LED-Licht geflutet wurde, halte ich die Luft an. Das Wesen fixiert mich. Oder besser gesagt: Er versucht es. Seine Pupillen haben die Größe von Untertassen, und seine Augen fahren unabhängig voneinander Achterbahn. Aber das schönste ist die Frisur, ein einseitiger Antennen-Look. Einige vereinzelte, steif nach oben stehende Haarsträhnen, die scheinbar versuchen, von fremden Sternen, oder zumindest vom Wlan des Nachbarn Signale zu empfangen. Er starrt mich an. Ich starre zurück. Ohjee, dieser Steinzeit-Humanoide ist jetzt nicht mehr blaß wie die Badezimmer Fliesen, nein grünlich schillert sein Gesicht und riesige Schweißperlen sind auf der Stirn zu sehen. Sich am Waschbecken abstützend legt er seinen Kopf auf meine Kristallglas Fläche als wollte er seinen Kopf kühlen und verschmiert fast die hälfte meiner Glasfläche. Er kneift die Augen zusammen, neigt den Kopf um 45 Grad nach links und murmelt: „oh ist mir schlecht? Warum drehst sich alles?“ Kumpel, denke ich, hier dreht sich nichts, du schwankst wie ein alter Kutter im Orkan.
Phase 2: Die optische Täuschung:
Der schwankende Bewohner beschließt, dass eine gründliche Gesichtskontrolle notwendig ist. Er tritt näher. Viel zu nah. Sein Atem beschlägt meine nicht mehr makellose Glasfläche.
„Boah…“, flüstert er, sichtlich fasziniert von dem Nebel, den er selbst erzeugt hat. Er streckt zeine Zunge raus, diese sieht aus wie ein mit Wurst belegtes Brot. Der Zombie schaut sich das kurz an. Ein Griff zum Mundwasser, hundert Spritzer in den Zahnputzbecher, etwas Wasser drauf und los geht die Gurgelorgie. Das kann ja nicht gut gehen, der Mensch verschluckt sich, spuckt den Rest über die Seifenschale aus und ein „baah ekelhaft“ kommt aus seinem Mund.
Anmerkung von mir: "Bestimmt schmeckt ihm Grappa besser, aber das würde ihn umhauen und ich bin nicht in der Lage den Notarzt zu rufen."
Phase 3: die Schnell Dusche:
Schwankend verschwindet der Höhlenmensch unter der Dusche. Heute wird nicht so heiß geduscht, aber dafür mehr auf Geschwindigkeit geachtet, es dauerte nur 3 Minuten und schon steht er immer noch wankend vor mir.
Jetzt kommt die Handtuch-Akrobatik und ich befürchte schon das Schlimmste, aber wie durch ein Wunder oder anderen unerklärlichen Dingen schafft der Irre es, die Balance zu halten, unglaublich das, ich kann nur noch staunen. Dann die übliche Fön-Bürst Orgie, die Antennen Look Frisur wird mit Bürste und Fön gewaltsam in Form gebracht, was nicht so einfach ist, aber mit dem Ergebnis ist der Mitbewohner scheinbar einverstanden, er murmelt „ich muss ja nur mir gefallen,“ legt Fön und Bürste weg.
Phase 4: Der Kampf mit der Zahnbürste:
Das große Finale beginnt. Zähneputzen. Ein lobenswerter Vorsatz, die Ausführung ist allerdings ein Desaster in drei Akten.
Die Pastenkrise: Er drückt die Zahnpastatube. Hart. Ein riesiger blauer Klecks verfehlt die Bürste komplett und landet im Waschbecken. Das Monster schaut die Tube enttäuscht an, als hätte sie ihn persönlich verraten.
Der Treffer: Beim zweiten Versuch klappt es. Jetzt wird geputzt. Er starrt mich dabei mit einem Blick an, der pure, grimmige Entschlossenheit ausstrahlt, der sagen sollte: „Ich habe mein Leben im Griff.“. Er putzt so wild, dass weißer Schaum in alle Richtungen fliegt. Plopp. Ein fetter Schaumklecks landet direkt auf meiner Stirn. Danke für nichts.
Das Spülen: Er nimmt einen tiefen Schluck Wasser aus dem Zahnputzbecher, vergisst aber die Schwerkraft. Die Hälfte läuft ihm den Hals runter und sein Körper ist sofort wieder klatschnass. Griff zum Handtuch, fährt damit über seinen Körper, dann das Gesicht und jetzt noch über meine Glasfläche, wobei er allerdings nicht reinigt, sondern nur gut verteilt.
Die Rasur: Der Elektrorasierer wird mit kreisenden Bewegungen durch die noch immer grünliche Visage des Zombies bewegt „(ich wusste ja das die Ibuprofen ihn nicht retten würde).“ Ihm ist immer noch übel, ist sehe es daran, dass sich immer mehr Schweißtropfen auf seiner Stirn bilden und seine Rülpser immer kräftiger werden. Endlich scheint er mit dem Ergebnis der Rasur zufrieden zu sein. Sein Blick signalisiert eindeutig, dass der Steinzeit Freak sich für den Schönsten hält.
Der Abgang: Plötzlich hält er inne. Starrt er mich an, als hätte er gerade die Weltformel entdeckt. Deutet mit dem schaumigen Finger auf sein Spiegelbild und sagt mit absoluter, unumstößlicher Ernsthaftigkeit:
„Morgen…ab morgen trinke ich nur noch Wasser. versprochen“
„Ich muss innerlich lachen, nur glauben kann ich das nicht, schließlich kenne ich ja meinen Zombie.“ Er schaltet das Licht aus. Im Dunkeln höre ich, wie er gegen den Türrahmen läuft, leise flucht und schließlich in die Küche schlurft.
Ich bleibe zurück. Mit einer total verschmierten Kristallglas Fläche, ein paar Zahnpasta Spritzern und der absoluten Gewissheit: Wenn er am Sonntagmorgen aufwacht und wieder vor mir steht, wird er dieses Versprechen bereits bitterlich bereuen.
Ich liebe meinen Job.